Die homöopathische Behandlung entzündlicher Ohrerkrankungen

 

 

Zusammenfassung

Bei den akut entzündlichen Ohrerkrankungen ist die klassische Homöopathie im allgemeinen nicht Methode der Wahl, weil sie viel zu zeitaufwendig ist. Die Patienten kommen ohne Termin als Notfall, meistens in Massen. Hier muß eine schnelle Behandlungsmethode helfen, um den Ansturm zu bewältigen. Es gibt zahlreiche bewährte Indikationen, die bei akut entzündlichen Ohrerkrankungen sehr gut helfen. Bei chronisch entzündlichen Ohrerkrankungen sieht die Situation anders aus, hier kommt häufig die klassische Homöopathie zum Zuge. Krankheiten der Ohrmuschel, des äußeren Gehörgangs und des Mittelohres sind einfach homöopathisch zu behandeln, da aufgrund des Aspektes der Entzündung die Mittelwahl erleichtert wird und die entsprechenden Organe gesehen werden können. Unterstützt werden muß die homöopathische Behandlung allerdings häufig durch Maßnahmen wie Absaugen oder auch Wärmebehandlung.

 

Einleitung

Noch in den sechziger Jahren galt es als unumstößliche Wahrheit der Schulmedizin, daß entzündliche Ohrerkrankungen, auch virale, unbedingt antibiotisch behandelt werden "müssen". Den Studenten und Ärzten wurde diese "Weisheit" ständig eingeimpft. Dies hat sich in den letzten Jahren deutlich gewandelt. Während auch die sogenannte Schulmedizin meistens betont, daß virale Erkrankungen nicht antibiotisch behandelt werden müssen, wird sogar eingesehen, daß bei leichteren bakteriellen Infekten ebenfalls keine Antibiotika erforderlich sind. Die Probleme, auf die homöopathische Ärzte schon seit Jahrzehnten hinweisen wie Resistenz-entwicklung, Abwehrschwächung, Darmmilieustörung usw., werden auch von der Schulmedizin heutzutage anerkannt. In den Praxen niedergelassener Ärzte geht es allerdings oft anders zu. Sie sind häufig nicht auf dem heutigen Stand der Wissenschaft und behandeln entsprechend noch etwas altmodisch, also mit viel zu viel Antibiotika. Dies darf aber nicht der offiziellen Schulmedizin angekreidet werden, sondern wird verursacht durch die überaus erfolgreiche "Tätigkeit" der Pharmavertreter und der häufig mangelnden Fortbildung.

Die konsequente Anwendung homöopathischer Medikamente bei entzündlichen Ohrerkrankungen führt dazu, daß Antibiotika und andere allopathische Medikamente praktisch überhaupt nicht eingesetzt werden müssen. In diesem Zusammenhang ist besonders zu warnen vor der gleichzeitigen Gabe von Antibiotika und Schmerzmittel, was nicht erforderlich ist und die homöopathische Mittelwirkung eindeutig dämpft. Tunlichst sollte ebenfalls unterlassen werden, abschwellende Nasentropfen zu nehmen, da sie erstens der homöopathischen Mittelwirkung entgegenwirken und zweitens erreicht wird, daß nicht mehr genügend Blut in die Nase fließt, wodurch die Nase wenig Chancen hat, auszuheilen. Bei vielen entzündlichen Ohrerkrankungen ist die Nase mitbetroffen.

Erysipel der Ohrmuschel

Es handelt sich um eine Erkrankung der Haut, die durch Streptokokken verursacht wird. Das Erysipel ist gekennzeichnet durch eine starke Rötung und Überwärmung sowie Schwellung der äußeren Haut; das Bild entspricht damit typischerweise Belladonna. Mittel der Wahl ist Belladonna D30, 3x5 Globuli im Abstand von 12 Stunden. Gegebenenfalls kann auch zusätzlich als Lokalbehandlung Traumeel-Salbe ® verordnet werden.

Otitis externa

Die Gehörgangsentzündung kann in verschiedenen Formen ablaufen, je nach Schwellungszustand des Gehörgangs ist die Erkrankung sehr schmerzhaft. Es ist fast immer zusätzlich zu einer homöopathischen Behandlung eine Lokalbehandlung mit Säuberung des Gehörgangs und Desinfektion erforderlich, am besten mit Solutio Castellani. Sehr häufig beginnt die Gehörgangsentzündung im Sommer nach dem Baden, vor allem in verdreckten Gewässern. Das erste Mittel der Wahl ist Dulcamara D6 (3x1 Tbl.tgl.). Bestehen reichlich Rhagaden im Gehörgang, ist Graphites D6 Mittel der Wahl. Insbesondere bei chronischer Otitis externa mit Rißbildungen am Gehörgangseingang ist Acidum nitricum D6 angezeigt (3x5 Tropfen tgl.). Bei Gehörgangsfurunkeln ist Staphisagria D4 (3x1 Tbl.tgl.) richtig. Zusätzlich kommt zur Lokalbehandlung Calendula Urtinktur bei mehr feuchten Ekzemen in Betracht. Bei chronischen, immer wiederkehrenden Ekzemen ist auch an andere Ursachen zu denken, insbesondere auch an Allergien, Probleme mit den oberen Weisheitszähnen, an Lebererkrankungen und Diabetes mellitus. Bei übelriechender Sekretion ist Tellur D12 (2x5 Globuli tgl.) angezeigt, alternativ je nach Modalitäten auch Kreosotum D4 (3x1 Tbl.tgl.) oder lokal als Ohrentropfen (Kreosotum D4 Dil. 20 mm, adde Pipette) 3x ½ Pipette tgl. ins Ohr einträufeln.

Otitis media acuta

Nach der konventionellen Medizin können wir akute Mittelohrentzündungen unterscheiden in bakterielle und virale Entzündungen, wobei dann noch je nach Erregerart weiter differenziert werden kann. Die bakteriellen Mittelohrentzündungen zeichnen sich meist durch plötzliches Auftreten, starke Schmerzen und Fieber aus, das Trommelfell ist stark diffus gerötet. Die viralen Mittelohrentzündungen verlaufen protrahierter, treten oft nach einem längeren Schnupfen auf, die Schmerzen sind weniger stark. Es findet sich bei der viralen Mittelohrentzündung charakteristischerweise eine blasenförmige Vorwölbung des Trommelfells. Bei beiden Formen kann das Trommelfell platzen, Eiter oder Sekret fließen nach außen.

Ein Polyp kann durch das Trommelfell nach außen wachsen. Als schwere Komplikation können nach zwei Wochen, vorher praktisch nie, eine Mastoiditis oder ein Hirnabszeß auftreten. Unter homöopathischen Gesichtspunkten muß noch weiter differenziert werden. Es kommt darauf an, wer die Entzündung bekommt (Kind, Frau, Mann), ob die Erkrankung rechts, links oder beidseits auftritt, gegebenenfalls welche Seite zuerst betroffen ist. Die "Causa" ist wichtig, z.B. Folge von Wind, Durchnässung, Impfung usw., außerdem sind Begleiterkrankungen und die Vorbehandlung zu beachten.

Kinder

Bei Kindern tritt die Mittelohrentzündung am häufigsten auf. Meistens beginnt die Erkrankung plötzlich einseitig und ist mit sehr starken Schmerzen verbunden. Hier ist das Erstmittel Aconit D30 (3x5 Globuli im Abstand von 2 Std.), anschließend wird die Behandlung mit Pulsatilla D2 (alle 2 Std. 5 Globuli) fortgesetzt. Bei sehr starken Schmerzen helfen Zwiebelwickel gut. Hierbei werden Zwiebeln klein geschnitten, erwärmt und in ein Säckchen eingelegt. Das Säckchen wird auf das Mastoid gelegt. Reicht die Behandlung mit Pulsatilla D2 nicht aus, wird Capsicum D6 (alle 2 Std. 1 Tbl.) gegeben.

Bei einer Mittelohrentzündung sollte der Patienten nach 2 Tagen kontrolliert werden. Je nach weiterem Verlauf wird dann die Behandlung modifiziert. Ist die Entzündung geringer, wird weiter Pulsatilla D2 (3x5 Globuli tgl.) gegeben, bei Ausheilung nichts mehr, bei Tubenkatarrh muß entsprechend weiterbehandelt werden. Bei Wirkungslosigkeit von Pulsatilla kommen andere Mittel in Betracht. Bei Wärmeunverträglichkeit wird Apis D6 (alle 2 Std. 5 Globuli) gegeben, bei hochrotem Trommelfell, insbesondere auch bei einer Scharlach-Otitis, Belladonna D30 (3x5 Globuli im Abstand von 12 Std.), bei fleckigen Auflagen auf dem Trommelfell Kalium bichromicum D4 (3x1 Tbl.tgl.), bei drohender Mastoidbeteiligung Capsicum D6 (3x1 Tbl.tgl.).

Ist eine Perforation aufgetreten, wird der Eiter abgesaugt und der Gehörgang desinfiziert. Bei nicht fötidem Eiter wird Silicea D6 (3x1 Tbl.tgl.) verordnet, bei stinkendem Eiter Tellur D12 (2x5 Globuli tgl.). Zusätzlich sind als Lokalbehandlung Calendula Urtinktur oder Levisticum Ohrentropfen ® (Wala) sinnvoll.

Kommt es bei der eiternden Otitis media zur Polypenbildung im Gehörgang, ist Thuja D3 (3x1 Tbl.tgl.) Mittel der Wahl.

Tritt eine akute Mittelohrentzündung nach dem Baden oder Duschen auf, wird die Behandlung mit Dulcamara D6 (3x1 Tbl.tgl.) begonnen. Beginnt die Erkrankung rechts und setzt sich links fort, ist Lycopodium D6 (3x1 Tbl.tgl.) Mittel der Wahl, bei zuerst linksseitiger und dann rechtsseitiger Otitis ist Lachesis D12 (3x5 Globuli tgl. oder öfter) indiziert.

Bei der homöopathischen Behandlung ist eine Unterscheidung zwischen der bakteriellen oder viralen Genese nicht erforderlich, der "Erreger" als solches ist eher nebensächlich.

Frauen

Bei Frauen gelten im wesentlichen die gleichen Kriterien wie bei Kindern, auch bei schwangeren Frauen. Der Krankheitsverlauf ist meistens etwas länger. Zusätzlich wird häufig das homöopathische "Antibiotikum" (Echinacea D4, Lachesis D12, Pyrogenium C30 als Mischspritze) täglich intravenös verabreicht.

Männer

Bei Männern ist die Behandlung schwieriger. Glücklicherweise bekommen Männer recht selten eine akute Mittelohrentzündung.

Die Verordnung des bei Kindern und Frauen so bewährten Pulsatilla ist fast immer sinnlos. Ich beginne die Behandlung mit Aconit D30, bei rechtsseitiger Otitis media verordne ich Apis D6, bei linksseitiger Lachesis D12, außerdem täglich die Mischspritze (siehe oben).

Otitis media chronica

Die chronische Mittelohrentzündung kann unter Umständen auch homöopathisch behandelt werden, allerdings sind die Erfolge wesentlich schlechter. Eine chronische Mittelohrentzündung ist im wesentlichen gekennzeichnet durch einen Trommelfelldefekt, möglicherweise liegt außerdem noch eine Destruktion der Gehörknöchelchenkette vor. Man unterscheidet zwischen mesotympanalen, zentralen Trommelfelldefekten und epitympanalen, randständigen Trommelfelldfekten. Insbesondere die epitympanalen Trommelfelldefekte sind gefürchtet wegen eines häufig gleichzeitig auftretenden Cholesteatoms einer sogenannten Zwiebelschalengeschwulst bzw. einer chronischen Knocheneiterung.

Als Komplikationen einer chronischen Mittelohrentzündung können ein Labyrinthausfall und ein Hirnabszeß auftreten. Im Regelfall ist die Behandlung einer chronischen Mittelohrentzündung nicht eilig, es gibt aber Fälle, in denen notfallmäßig eine Tympanoplastik durchgeführt werden muß. In diesem Falle ist der operativen Medizin eindeutig Vorrang zu geben. Wenn genügend Zeit besteht, kann versucht werden, mit homöopathischen Mitteln einen Erfolg zu erreichen.

Bei einem reizlosen Trommelfelldefekt ist zunächst Silicea D6 (3x1 Tbl.tgl.) Mittel der Wahl, später wird dann die Behandlung gegebenenfalls mit Silicea D12 (2x1 Tbl.tgl.) und Silicea D30 (1 Tbl. pro Woche) fortgesetzt.

Bei einer nicht fötiden Ohrsekretion wird ebenfalls mit Silicea nach diesem Schema behandelt. Bei fötider Sekretion (z.B. Pseudomonasinfektion) wird mit Tellur D12 (2x5 Globuli tgl.), gegebenenfalls über einen längeren Zeitraum, behandelt. Eine zusätzliche Lokaltherapie ist auch erforderlich, wobei aber keinesfalls Steroide oder Antibiotika verwendet werden dürfen. Alternativ kommt auch eine Behandlung mit Kreosotum D4 (3x1 Tbl.tgl.) später in höheren Potenzen in Betracht. Auch eine Lokaltherapie mit Kreosotum D4 Dil. (Kreosotum D4 Dil 20 ml adde pipette, 3 x ½ Pipette tgl. ins Ohr einträufeln) ist möglich. Bei Granulationen am Trommelfell wird Acidum nitricum D6 (3x2 Tropfen tgl.) verordnet, später Acidum nitricum D12 (2x5 Tropfen tgl.); auch in diesem Fall dauert die Behandlung relativ lang.

Gehörgangspolypen sollten zunächst, soweit dies möglich ist, mit dem Sauger entfernt und histologisch untersucht werden, da dadurch die rein medikamentöse Behandlung erheblich abgekürzt wird. Anschließend ist bei den Gehörgangspolypen Thuja D3 Mittel der Wahl.

Wie bei allen chronischen Erkrankungen sind gelegentlich Hochpotenzen des Konstitutionsmittels günstig. Außerdem kommen als Zwischengaben je nach Modalitäten die drei großen Erbnosoden (Tuberkulinum, Medorrhinum, Luesinum) in Frage.

Myringitis

Eine Myringitis bedarf häufig überhaupt keiner Behandlung, dies hängt allerdings vom Ausmaß ab. Aus einer Myringitis kann eine Mittelohrentzündung entstehen. Bei einer Rötung des Trommelfells ohne sonstige Mittelohrsymptomatik wird sicherheitshalber zunächst Aconit D30 (3x5 Globuli im Abstand von 2 Std.) gegeben, anschließend sollte am nächsten oder übernächsten Tag eine erneute Ohrinspektion erfolgen. Häufig ist keine weitere Behandlung erforderlich, gegebenenfalls muß wie bei der akuten Mittelohrentzündung weiterbehandelt werden.

 

 

Otitis externa

nach einem Freibadbesuch (durch Nässe)

Dulcamara D6 Tabletten

nässende, krustige Ausschläge in der Umgebung der natürlichen Körperöffnungen, Rhagaden

Graphites D6 Tabletten

Brennen der Schleimhäute "Schmerzmittel"

Capsicum D6 Tabletten

stark fötide Sekretion (zB. Pseudomonas)

Tellurium D12 Globuli

stark fötide Sekretion, Rhagaden

Kreosotum D4 Tabletten

Ausbreitung der Entzündung von links nach rechts

Lachesis D12 Globuli

Ausbreitung der Entzündung von rechts nach links

Lycopodium D6 Tabletten

Lokalbehandlung feuchter Ekzeme

Calendula Urtinktur

Lokalbehandlung bei fötider Sekretion

Kreosotum D4 Dilution

Lokalbehandlung trockener Ekzeme

Echinacea-Salbe

Gehörgangsfurunkel

Staphisagria D4 Tabletten

 

Otitis media acuta

als Erstmedikation, dann

Aconit D30 Globuli

bei Schmerzen, die in Art, Intensität und Sitz wechseln, was bei vielen kindlichen, akuten Mittelohrentzündungen zutrifft

Pulsatilla D2 Globuli

als "Schmerzmittel"

Capsicum D6 Tabletten

bei brennenden, stechenden Schmerzen, die durch Kälte besser werden

Apis D6 Globuli

Mittelohrentzündung nach langem Schnupfen, durch Kälte werden die Schmerzen schlimmer

Kalium bichromicum D4 Tabletten

geringes Fieber, leichte Ohrenschmerzen

Ferrum phosphoricum D6 Tabletten

Otitis media nach Schwimmbadbesuch

Dulcamara D6 Tabletten

Trommelfellperforation und Eiter, der nicht stinkt

Silicea D6 Tabletten

Trommelfellperforation und Eiter, der stinkt

Tellurium D12 Globuli

Otitis media, die zuerst rechts auftritt, dann links

Lycopodium D6 Tabletten

Otitis media, die zuerst links auftritt, dann rechts

Lachesis D12 Dilution oder Globuli

ggf. zusätzlich bei Erwachsenen

Dreierspritze (Echinacea D4,

Lachesis D12, Pyrogenium C30)

 

Literatur:

  1. Boenninghaus, H.-G., Lenarz, TH: Hals-Nasen-Ohrenheilkunde. Springer, Berlin, Heidelberg 2004
  2. Friese, K.-H.: Ergebnisse vergleichender Untersuchungen bei homöopathischer und konventioneller Behandlung der Otitis media im Rahmen einer Dissertation. allgemeine Homöopathische Zeitung 239; 199-203, 1994.
  3. Friese, K.-H., Kruse, S., Moeller, H.: Otitis media acuta bei Kindern. Vergleich zwischen konventioneller und homöopathischer Therapie. HNO 44; 462-466, 1996.
  4. Friese, K.-H., Kruse, S., Lüdtke, R., Moeller, H.: The homoeopathic treatment of otitis media in children-comparisons with conventional therapy. Int J of Clinic Pharm and Therap 35; 296-301, 1997.
  5. Friese, K.-H.: Homöopathie in der HNO-Heilkunde, Hippokrates Stuttgart 2005
  6. Kent’s Repertorium der homöopathischen Arzneimittel. Bd I-III. 14. Auflage, Haug Heidelberg 2005.
  7. Kruse, S.: Otitis media bei Kindern – Homöopathische Therapie versus konventionelle Therapie. Hippokrates Verlag Stuttgart 1998.
  8. Mezger, J.: Gesichtete Homöopathische Arzneimittellehre, 2 Bde., Haug Heidelberg 2007.
  9. Palsule, S.G.: Homoeopathic treatment for E.N. T. diseases. A short series publications. Poona 1976